Herzgedanke ganz privat

Tag der Wahrheit

Ich habe eine Weile überlegt, ob ich diesen sehr privaten Eintrag verfassen und veröffentlichen soll. Passt er überhaupt hier rein? Interessiert euch das überhaupt? Und wie werden die Reaktionen sein? Letzten Endes möchte ich offen mit der größten Veränderung in meinem Leben umzugehen.
Es gibt Momente im Leben die alles verändern können. So einen Augenblick hatte ich letztes Jahr im März. Er war ausschlaggebend für eine Art Weggabelung, an der ich beschloss den alten Weg definitiv nicht mehr weiterzugehen und neue Pfade zu entdecken.
Ende März 2011 beschloss ich meinem Übergewicht den Kampf anzusagen. Es ist nicht so, dass ich noch nie etwas von Weight Watchers & Co gehört hatte. Nein, ganz im Gegenteil! Ich kannte das Prinzip sogar sehr gut. Ebenso wie FdH, Trennkost und viele andere Diäten, aber leider kamen die überflüssigen Pfunde im Laufe der Jahre immer wieder zurück und brachten sogar noch ihre Freunde mit!
So wurde ich dicker und dicker, und leider auch immer kränker. Mich plagten täglich höllische Rückenschmerzen und viele andere gesundheitliche Beschwerden. Aber auch alltägliche Einschränkungen, die ich hier nicht alle aufführen möchte. Wer jemals in seinem Leben mit überflüssigen Pfunden zu tun hatte oder hat, wird ähnliche Erfahrungen gemacht haben. Nur waren es bei mir nicht nur 30kg, die ich zu viel mit mir herum trug, sondern bei Weitem mehr. Wenn mir jemand erzählte, dass sie/er sich mit 80kg so gar nicht wohl fühle, dachte ich immer “Das wäre mein Wunschgewicht!”
Ich sah für mich langfristig keine andere Chance mehr, als den radikalsten aller Wege zu gehen!
Nach insgesamt über 15 Jahren Diätkarriere und 5 Jahren reichlicher Überlegungen entschloss ich mich im März 2011 zu einem Beratungsgespräch bezüglich einer Magenverkleinerung.
Was daraufhin folgte war ein halbes Jahr intensive Vorbereitung, nebst psychologischer Betreuung und (erneuter) Ernährungsberatung. Wer RTL2 Glauben schenkt, dass solche Operationen innerhalb von 14 Tagen bewilligt werden, täuscht sich gewaltig! Und das ist auch gut so. Sämtliche Versuche das Gewicht zu reduzieren müssen nachgewiesen werden! (Ich möchte an dieser Stelle nicht weiter ausholen, bin aber bei Fragen gerne bereit euch diese zu beantworten.)
Für mich kam noch ein entscheidender Punkt hinzu: Ich bin 2006 an einem Pseudotumor Cerebri erkrankt und das stellte für mich ein erhöhtes Operationsrisiko dar. Also beschloss man, dass nur ein MRT Aufschluss über den aktuellen Stand meiner Erkrankung geben könnte. Völlig normal werden jetzt viele denken, aber ich drückte mich seit Jahren vor dieser Untersuchung, weil ich panische Angst hatte. Angst vor dem Ergebnis, vor einer Shunt – Operation etc.
Doch ohne MRT keine Antragstellung bei der Krankenkassen und ohne Antragstellung keine Operation. Ebenso keine Operation, wenn der Befund positiv (also für mich negativ!) ausfällt.
Am 15. September war das Zittern dann vorbei. Nach einer ca. einstündigen Untersuchung bekam ich die schönsten Kopfbilder der Welt zu sehen. Nach sechs Jahren konnte ich mit dem Thema Pseudotumor Cerebri endgültig abschließen. Was lediglich bleibt ist eine Konzentrationsschwäche, aber damit kann ich gut leben. Was ich an dem Tag empfunden habe, kann ich gar nicht wiedergeben. Vor Angst wäre ich fast aus der MRT – Untersuchung gerannt und nur wenig später hätte ich vor Freude dem Arzt um den Hals fallen können.
Ich wusste nach der Untersuchung nur, dass mein Weg noch weiter geht. Hoffentlich! Wenn die Krankenkasse mir meine Operation bewilligt.
Am 09.11.2011 gab ich dann meinen Antrag für eine laparoskopische Magensleeveresektion bei der Krankenkasse ab. (Nicht verwechseln mit einem Magenband!) Insgesamt hatte ich 29 Gutachten, Atteste und andere Bescheinigungen beigelegt, nebst Sport- und Ernährungstagebuch. Der dicke Ordner ließ selbst die Krankenkassenangestellte sprachlos werden.
Nur neun Tage später versuchte ich unter Tränen meiner Schwester am Telefon zu erklären, dass die Krankenkasse meine Operation bezahlt. Wie viele Anläufe ich brauchte, um ihr das zu sagen, weiß ich nicht mehr. Das Bewilligungsschreiben liegt immer noch im Buchregal. 🙂
Am 15.12.2011 wurde ich dann im Dreifaltigkeitskrankenhaus in Wesseling operiert. Mich für diese Klinik zu entscheiden war definitiv richtig. Von Anfang an habe ich mich dort sehr wohl gefühlt. Die Ärzte dort haben mich auf meinem Weg begleitet, mich kurz vor der Operation sehr gut betreut und die Schwestern auf der Station sind mit Gold nicht aufzuwiegen.
Am 21.12.2011 durfte ich dann das Krankenhaus verlassen. Die ersten Schritte in ein leichteres und vor allen Dingen gesundes Leben waren etwas wackelig, aber mit jedem Tag der vergeht, spüre ich, dass es für mich(!) die richtige Entscheidung war.
Ich habe von vielen (Blog)Freunden einen großen Zuspruch und Unterstützung bekommen. Ihr habt mich immer so genommen, wie ich war und mich “rund”um akzeptiert. Daher freue ich mich so sehr, euch an meiner Seite zu wissen, weil ich weiß, dass man mit euch durch dick und dünn gehen kann!
Meine Entscheidung habe ich mir nicht leicht gemacht und es war das wohl aufregendste Jahr, was ich 2011 erleben durfte. Nicht einen Tag habe ich vergessen, dass es eine Operation an einem gesunden Organ ist und ich im schlimmsten Fall sterben könnte. Gerade deshalb werde ich diese Chance als Geschenk sehen!
Im Moment ist vieles noch aufregend und neu, und natürlich ist ernährungstechnisch nichts mehr so, wie es vorher war. Dafür macht es wieder Spaß in den Spiegel zu schauen, denn mittlerweile sind seit der Operation vor fünf Wochen 13kg weg. 21kg sind es insgesamt. Ich bin stolz auf mich und entgegen vieler Meinungen nehme ich jetzt nicht “automatisch” ab. Nein, ich muss immer noch entscheiden, ob ich Biojoghurt esse oder Vanillepudding. Diese Entscheidung hat man mir nicht mir der Operation genommen. Aber ich kann entscheiden, ob ich die Chance nutzen will oder nicht. Und, dass ich sie nutzen will habe ich bereits im März 2011 beschlossen.
Dieser Tag und die damit verbundene Entscheidung gehört zu meinem Leben dazu, wie die Bücher von denen ich in diesem Blog berichte. Deshalb passt dieser sehr private Bericht meiner Ansicht nach hier hinein. Vielleicht seht ihr das ja genauso. Eigentlich bin ich sogar ganz sicher.
Ich habe Hilfe angenommen, die für meine Gesundheit dringend notwendig war. Warum sollte ich mich also schämen?

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  • kleinbrina
    19.01.2012 at 11:58

    Ganz großer Respekt für deinen Mut, dies hier niederzuschreiben und für deinen Willen, dies trotz vieler Rückschläge gemacht zu haben.
    Du darfst sehr stolz auf dich sein und ich drücke Dir die Daumen, dass weiterhin alles so verläuft, wie du es dir wünscht. 🙂

  • Sarah Fenger
    19.01.2012 at 11:58

    Wow! Ich wusste ja gar nicht dass das so eine langwierige und komplizierte Angelegenheit ist. Genauso wie ich nicht wusste, warum du im Krankenhaus warst. Fragen wollte ich aber auch nicht, wenn man so nichts darüber liest… Und nun schon 13 kg seit Dezember. Das ist ja Wahnsinn und nun kannst du dir ja neue Anziehsachen im Abo (immer eine Nummer kleiner) bestellen! Ich wünsche dir noch alles Gute und hoffe das du dein Wunschgewicht erreichst!
    LG
    Sarah

  • Mellie
    19.01.2012 at 12:09

    Dafür brauchst du dich wahrlich nicht schämen, Rici!
    Es ist mutig Hilfe anzunehmen und es ist mutig so eine OP machen zu lassen.
    Außerdem entscheidet sich jeder für seinen eigenen Weg, das geht niemanden etwas an, da sollte niemand drüber urteilen.
    Für dein neues Leben wünsche ich dir von ganzem Herzen alles Liebe und Gute und werde ihn gespannt mitverfolgen.
    Du schaffst das!
    Alles Liebe,
    Mellie

  • Elly
    19.01.2012 at 12:15

    Absolut richtig hier und absolut gut!
    Ich wünsche Dir, dass Du weiterhin “dran” bleiben kannst und Dich schon bald rundum wohl fühlst!
    Sei lieb gegrüßt!

  • Nicole
    19.01.2012 at 12:40

    Hallo Rici, ich verfolge deinen Blog ja eher im Stillen, aber jetzt muss ich mich auch zu Wort melden. Ich finde es gut und richtig, das du diesen sehr privaten Eintrag geschrieben hast, denn er wird vielen Mut machen. Ich kann mir vorstellen, wie schwierig der Entschluss für die OP war und finde es toll, dass du den Mut gefunden hast. Auf deinem weiteren Weg in ein schlankes Leben (davon träume ich ja auch noch 😉 ) wünsche ich dir viel Erfolg.
    LG
    Nicole

  • NieOhneBuch
    19.01.2012 at 12:42

    Ach Rici, überhaupt auf die Idee zu kommen, dich zu schämen, ist doch absurd (und trotzdem kann ich es nachvollziehen). Sei stolz auf dich!
    Völlig egal, wie du deiner Gesundheit etwas Gutes tust, du tust es und allein das zählt.
    Und wenn irgendwann der Punkt erreicht war, an dem Diäten nicht mehr helfen können, ist so ein großer Schritt doch keine Schande, sondern die einzig richtige (und wahrscheinlich auch mögliche) Entscheidung.
    Alles Gute für dich und lass uns weiter an deinen Erfolgen teilhaben, ja? 🙂
    LG

  • mirasun
    19.01.2012 at 13:35

    Ich finde es super das du so frei darüber erzählst! Ich habe selbst Übergewicht (auch nicht gerade wenig) und es ist immer toll von jemandem zu hören der es geschafft hat.
    Und ich finde es auch super wie du darüber schreibst, das es schwer war, das die Anträge einen fast erschlagen, weil man so viel machen muss und nachweisen muss. Das eine Magenverkleinerung auch nicht einfach so gemacht wird, sondern man beweisen muss, dass man diesen Schritt nicht aus Spaß an der Freude tut, weil man gerade mal 2 kg zu viel auf den Hüften hat!
    Genauso das du dabei sagst, es ist nicht die eine OP und PENG man wird schlank, das man immer noch auf die Ernährung achten muss, weil sonst sehr schnell der Magen wieder genauso riesig wird!
    Ich freue mich echt für dich! Wirklich!

  • Diana
    19.01.2012 at 13:42

    Ich bin auch nicht der Meinung, dass du dich deswegen schämen solltest. 😉
    Es ist deine Entscheidung. Die Menschen in deiner Umgebung, die dich mögen, tun dies mit und ohne OP. Die Anderen können dir so oder so egal sein.
    Aber von der Abo-Klamotten-Bestellung, die dir Sarah vorgeschlagen hat, würde ich dir doch abraten. 🙂
    Ich freue mich weiterhin von dir zu lesen und vielleicht klappt es tatsächlich mal, das ich mal vorbeikomme, oder wir gehen demnächst zusammen shoppen. 😉
    LG aus Dortmund

  • Bücherfresserin (@LibriVore)
    19.01.2012 at 14:21

    Wer hat denn bitte behauptet, dass man sich dafür zu schämen hat? DU hast Initiative ergriffen und etwas in deinem Leben geändert, womit du vorher unzufrieden warst. Ich finde, du kannst mit Recht STOLZ auf dich sein.
    Viele liebe Grüße
    LibriVore /(bzw. Solifera)

  • Gabriella Engelmann
    19.01.2012 at 14:37

    Ich sag nur zwei Dinge: 1.: RIESEN-RESPEKT! 2.: Wir mögen dich “so” und “so” 🙂

  • Nina
    19.01.2012 at 17:47

    Liebe Rici,
    ich hatte so etwas in der Art schon geahnt, mich aber auch nicht getraut, nachzufragen. Ich habe eine riesengroße Hochachtung vor deinem Mut, diesen Weg zu gehen und auch andere daran teilhaben zu lassen. Denn dadurch machst du anderen Mut, die diesen Weg noch vor sich haben oder noch an der “Gabelung” stehen. Ich wünsche dir alles erdenklich Gute auf deinem Weg und ich freue mich, so einen tollen Menschen wie dich zu kennen.
    Alles Liebe
    Nina

  • Svenja
    19.01.2012 at 23:28

    Warum denn schämen, Rici? Ich finde es bewundernswert, dass Du über die gemachten Erfahrungen – die ja sehr persönlich sind – hier berichtest. Dein Bericht öffnet einem die Augen, wie steinig doch der Weg ist, zugleich macht er aber Mut, dass man (sich) nicht aufgeben soll.
    Ich wünsche Dir alles Gute!!
    LG Svenja

  • Nadine
    20.01.2012 at 11:25

    Liebe Rici,
    ich bin ja hier auch ein stiller Mitleser, aber jetzt muss ich mich auch mal zu Wort melden: ich fand Deinen Bericht sehr offen und auch berührend! Das war bestimmt nicht einfach. Ich wünsche Dir für Deinen weiteren Weg alles erdenklich Gute, viel Kraft und weiterhin ein starkes Durchhaltevermögen.
    Liebe Grüße
    Nadine

  • Monika Frey
    22.01.2012 at 15:30

    …du bist einfach klasse. Ich habe erst heute deinen Blog gelesen, ich wusste es ja bereits durch eine persönliche Nachricht von Dir.
    ganz liebe Grüße an Dich
    Monika

  • LeseMaus
    29.01.2012 at 10:02

    Ich finde auch, dass es ganz großartig ist, was du da machst, und ganz gewiss hast du alle Sympathien auf deiner Seite, wenn du dich in deinem Blog derart öffnest. Ich wünsche dir auf deinem weiteren Abnehmweg viel Erfolg!

  • Sabine Meeder
    06.02.2012 at 23:20

    Du bist toll – ich finde das großartig, dass Du uns hier über so etwas Wichtiges aus Deinem Leben berichtest!

  • Aveleen
    21.03.2012 at 18:47

    Liebe Rici,
    dass du so etwas Privates von dir Preis gegeben hast, macht dich nur noch menschlicher und man sieht mal den Menschen hinter der Buchbloggerszene. Ich wünsche dir noch viele schöne Jahrzehnte, dann mit deinem Traumgewicht. 🙂
    Herzlichen Gruß
    Aveleen

  • Anonymous
    01.05.2012 at 07:29

    Ich kann mich den anderen nur anschließen: großen Respekt! Ich drücke dir die Daumen, dass es weiterhin so wunderbar und positiv verläuft. Klasse.
    Ganz herzliche Grüße von Antje Szillat

  • Die großen Veränderungen gehen weiter « www.herzgedanke.de – Das Literaturnotiz – Blog
    06.05.2012 at 19:26

    […] ich weiß, dass ein paar von euch mich nur hier lesen, da sie weder Twitter noch Facebook nutzen. Einige von euch haben mich in der letzten Zeit mal angemailt, ob ich nicht mal ein paar Fotos zeigen könnte, wie ich mich nun nach der OP verändert habe. (Ihr erinnert euch sicher alle an diesen Beitrag) […]

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